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Like a Dream

Bücher-Blog des homoerotischen Internetportals "Like a Dream" (www.like-a-dream.de). Hier werden vorwiegend homoerotische Romane vorgestellt, aber auch Kinder- und Jugendbücher.

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Flüstern der Ewigkeit

Flüstern der Ewigkeit - Tanja Bern

Story:
Frankreich, 19. Jahrhundert: Andreis komplettes Leben wird auf den Kopf gestellt, als Vampire in sein Dorf einfallen und nahezu alle Bewohner töten oder verschleppen. Auch der junge Mann und seine Verlobte werden von Orvills Gefolgsleuten mitgenommen, allerdings mit dem Ziel sie in Vampire zu verwandeln. Andrei wird hierbei im Rahmen eines Experimentes zum Vampir, was bedeutet, das er sich grundlegend von den übrigen Vampiren unterscheidet: er ist nicht nur in der Lage sich Orville zu wiedersetzen, er ist auch wesentlich menschlicher.

 

Als es ihm gelingt mit der Gefangenen Sabienne zu fliehen, ist es die Vampirin, die ihm das Leben als Wesen der Nacht näherbringt und an seiner Seite bleibt. Lediglich Sabiennes Gefühle kann er nicht erwidern, da er sich eher zu Männern hingezogen fühlt. Als er zufällig dem jungen Sam begegnet und sich Hals über Kopf in ihn verliebt, ahnt er nicht, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Denn Sam entstammt einer alten Linie von Vampirjägern und hat unzählige von Andreis Artgenossen getötet …

 

Eigene Meinung:
Die Autorin Tanja Bern ist für ihre historischen, romantischen Bücher bekannt und legte mit „Nah bei mir“ bereits einen Gay Romance Roman vor. Mit „Flüstern der Ewigkeit“ wagte sie sich einmal mehr in die Vergangenheit vor, wenngleich sie mit den Vampiren dieses Mal eine deutlich fantastischere Komponente gewählt hat, als mit der dezenten Geisterthematik in „Nah bei mir“.

 

Inhaltlich verspricht das Buch Spannung, Romantik und eine ordentliche Portion Drama – all das bekommt der Leser auch, jedoch muss man sich schnell damit abfinden, dass die Handlung recht schnell vorangetrieben wird. Es geht Schlag auf Schlag, mitunter einfach zu schnell, um sich alles bildlich vorstellen zu können. Dabei ist man leider nie nah am Charakter sondern erlebt die Ereignisse aus einer gewissen Distanz. Dadurch wirkt die Geschichte stark „heruntererzählt“, mitunter recht gehetzt. Es wäre schön gewesen, wenn sich Tanja Bern mehr Zeit gelassen hätte, Dinge und Ereignisse zu beschreiben und auch auf ihre Charaktere einzugehen. Gerade von diesen und ihren Gefühlen erfährt man in bestimmten Situationen nichts. Hat Andrei Angst bei der Wandlung, welche Schmerzen durchlebt er, wie fühlt er sich, als sich Orville an ihm vergeht? All das bleibt außen vor, was sehr schade ist. Das Buch hat Potenzial, doch es wird einfach zu schnell und zusammenfassend erzählt. Gerade beim Finale wird dies deutlich – es fehlen der Spannungsaufbau und das Einstimmen auf den Endkampf, so dass dieser auf den letzten Seiten spürbar am Leser vorbeizieht. Kurz vor Schluss flaut die Spannungskurve enorm ab, so dass sich die letzten 50 Seiten ziemlich in die Länge ziehen. Hier fehlt einfach die Action und Spannung, die eigentlich vorhanden sein müsste – immerhin dürfen sich Andrei und Sam einer Gruppe Vampirjäger entgegenstellen.
Lediglich bei den Erotikszenen, die nur dezent angedeutet werden, wirkt sich dieser Stil positiv aus, da Tanja Bern auf ausufernde Sexszenen verzichtet und stattdessen alles in angenehme, sehr sinnliche Worte packt.

 

Die Charaktere bleiben dem Leser leider ebenso fern, wie die Geschichte – man lernt sie recht oberflächlich kennen, auch wenn ihre Hintergründe sehr genau beschrieben und die Beweggründe ebenso gut begründet werden. Das liegt vor allem daran, dass man gefühlstechnisch nie wirklich beim Charakter ist, wenn etwas geschieht. Der Leser hat immer eine gewisse Distanz zu den Figuren, die es schwer macht, sie zu begreifen und wirklich mit ihnen mitzufiebern. Sie kommen ein wenig kühl rüber, was sehr schade ist. Gerade Andrei bleibt auf eine seltsame Art und Weise blass, obwohl er der Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist und man viel über ihn und seine Gedanken erfährt. Es ist schwer zu beschreiben, wieso man mit ihm nicht warm wird. Zumeist entzieht er sich dem Leser, ebenso wie Sam, der erst in der zweiten Hälfte wirklich wichtig wird und aus dessen Perspektive die Geschichte ab diesem Zeitpunkt ebenfalls erzählt wird.

 

Dafür sind die Nebenfiguren gut beschrieben und lebendig in Szene gesetzt, wenngleich man ihre Beweggründe nicht immer nachvollziehen kann. Warum Sams Vater so extrem handelt, weswegen Orville einem solchen Experiment zustimmt und weshalb Castielle diese Experimente durchführt, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Es fehlt an Tiefgang, Erklärungen und gut 300 weiteren Seiten, um die Geschichte stimmungsvoll und atmosphärisch umzusetzen und alle Seitenstränge und Grundideen auszubauen, die Tanja Bern eingeführt hat.

 

Stilistisch ist „Flüstern der Ewigkeit“ gut gelungen – Tanja Bern hat einen schönen, schlichten, etwas altmodischen Stil, der zur Geschichte passt. Leider birgt dies die Gefahr, dass es an Tiefgang mangelt und viele Szenen zu kurz abgehandelt werden. Allein die Tatsache, dass Andreis Entführung durch Vampirjäger nicht aus seiner Sicht beschrieben wird (sondern aus Sams in Form einer Rückblende), nimmt unheimlich viel Dynamik und Spannung aus der Geschichte – Tanja Bern umgeht etliche Actionszenen und nutzt lieber die Perspektive des anderen Protagonisten, was dem Buch den Schwung nimmt. Genau dieser Punkt sorgt dafür, dass der Roman so schwergängig und distanziert bleibt – zu oft ignoriert die Autorin die Regel „Show, don’t Tell“ und zu sehr wird die Handlung zusammengefasst.

 

Fazit:
„Flüstern der Ewigkeit“ ist ein historischer Vampirroman, der mit interessanten Grundideen und einigen spannenden Figuren punkten kann, es jedoch nicht schafft diese Aspekte überzeugend auszubauen. Die Geschichte wird zu gehetzt runtererzählt, die Charaktere bleiben recht blass und konturlos, und eine kontinuierliche Spannungskurve sucht man vergeblich. So stilsicher Tanja Bern auch ist, in diesem Fall scheitert sie an den Actionszenen, was dem Roman den Schwung und die Dynamik raubt. Schade – hier hätte man mehr herausholen können: mit mehr Seiten, mehr Gefühl und mehr Action.

Quelle: http://www.like-a-dream.de