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Like a Dream

Bücher-Blog des homoerotischen Internetportals "Like a Dream" (www.like-a-dream.de). Hier werden vorwiegend homoerotische Romane vorgestellt, aber auch Kinder- und Jugendbücher.

Ich lese gerade

Zur Strafe: Krippe!: Lots of Love
Eli Berg, Kaye Alden
Bereits gelesen: 18 %
Die Partitur der Gewalt
Romy J. Wolf
Bereits gelesen: 70/288 pages

Micah

MICAH - Tina Filsak

Story:
Der junge Musiker Micah hat mit seinem Leben abgeschlossen, seitdem bei ihm Lungenkrebs im Endstadium festgestellt wurde. Ohne Freunde und Verwandte sieht er dem Ende entgegen, lediglich die wöchentlichen Besuche in einer Bar gönnt er sich. Dort lernt er auch den geheimnisvollen Darius kennen, zu dem er sich schnell hingezogen fühlt. Dieser erwidert die Gefühle nicht nur, er ist auch kein einfacher Mensch, wie Micah irgendwann feststellen muss. Er hat sich mit einem Vampir angefreundet, der in Micah seinen Gefährten erkennt und diesen schließlich ohne Einwilligung an sich bindet. Dass er damit Micahs verborgene Dhampir-Seite weckt, ahnt niemand, doch der junge Musiker verwandelt sich kurz darauf zu einem Halbvampir. Damit ist nicht nur Micahs Leben gerettet und er hat unfreiwillig einen Gefährten an seiner Seite – er findet bei den Vampiren von L.A. ein neues Zuhause. Dies beinhaltet auch den Vampir Dio, der Micahs zweiter Gefährte wird und den selbstzerstörerischen Rodney, der sich nichts sehnlicher wünscht als der Lakai (Sklave) eines Vampirs zu werden …

 

Eigene Meinung:
Der Roman „Micah“ stammt aus der Feder Tina Filsaks und markiert den Auftakt einer längeren Reihe, in der es um Micah, seine Freunde und die Geheimnisse seiner Vergangenheit geht. Aufgrund der detaillierten, expliziten Sex- und BDSM-Szenen ist der Roman nichts für zarte Gemüter: man wird mit Gewalt, Dominanz, Unterwerfung und harter Erotik konfrontiert.

 

Inhaltlich beginnt das Buch durchaus spannend, wenngleich man eine Weile braucht, um in Micahs Welt einzutauchen und sich auf die Figuren einzustellen. Dennoch kommt es immer wieder zu kleineren und größeren Logiklöchern, die das Lesevergnügen schmälern. Zudem schweift Tina Filask irgendwann von der Hauptgeschichte ab und widmet sich fast ausschließlich der Erotik und den vielen BDSM-Szenen. Spätestens ab der Hälfte spielen die Hintergrundgeschichte, die Intrigen innerhalb der Vampirgesellschaft und die vielen interessanten Ansätze keine Rolle mehr, denn es geht nur noch um das Eine: Sex, Gewalt, Unterdrückung und BDSM. Sicherlich weiß der Leser im Vorfeld, worauf er sich einlässt (immerhin wird ja ausführlich darauf hingewiesen), doch die schiere Masse wirkt einfach erschlagend. Weder die Rahmenhandlung noch die Charakterentwicklung spielt noch eine Rolle, stattdessen darf man Micah eine gefühlte Ewigkeit bei Rodneys Probewoche zum Sklaven begleiten. Inwiefern das realistisch ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich mich mit der Szene nicht auskenne, doch es ist weder unterhaltsam noch spannend. Da hilft auch die Aussicht auf einen zweiten Teil nicht, da zu viele Dinge offen bleiben und man nicht einmal sicher sein kann, dass sie im zweiten Band geklärt werden.

 

Unangenehm fällt auch auf, dass bei Problemen fast sofort eine Lösung gefunden wird – zumeist ohne, dass es im Vorfeld passende Hinweise gibt. Auch die Tatsache, dass fast immer Micah derjenige ist, der die zündende Idee hat oder plötzlich die passende Fähigkeit entwickelt/aufweist, fällt mit der Zeit auf die Nerven. Der Rat will eine apathische Frau befragen und braucht einen Empathen, der die Verbindung zu ihren Gedanken und Erinnerungen herstellt (eine seltene Fähigkeit, wie man erfährt) – Micah kann dies natürlich ohne vorherige Übung oder einer Andeutung, dass er diese Dinge vorher beherrscht hat. Dio sucht einen perfekten Dom, um sich selbst zu geißeln – Micah ist der perfekte Mann für den Job, obwohl in der Geschichte (zu diesem Zeitpunkt, später wird gesagt, dass er durchaus Erfahrungen als Meister hat) niemals etwas Derartiges angedeutet oder gesagt wurde. Konflikte und mögliche Spannungskurven können sich überhaupt nicht entwickeln. Das Problem taucht auf und wird drei Seiten später mit neuen Kenntnissen und Fähigkeiten von Micah aus der Welt geschafft.

 

Neben der eher mauen Geschichte können auch die Charaktere nicht überzeugen. Das Hauptproblem ist Micah, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. In ihm finden sich nahezu alle Züge einer typischen Gary Sue (Mary Sue) vereint, die es gibt: er wird von einer schrecklichen Vergangenheit gebeutelt, hat zu Beginn keine Freunde und ist traumatisiert. All das ändert sich, als er von Darius gebissen wird und sich in einen Vampir verwandelt (oder doch Dhampir?): er wird stärker, optisch wesentlich hübscher, seine Fähigkeiten sind schlagartig so überragend, dass er ohne Probleme Aufgaben bewältigt, an denen alte Vampire scheitern, er hat einen großen Freundeskreis und mehrere Männer verlieben sich in ihn. Es gibt nichts, was ihm nicht auf Anhieb gelingt – perfekte Kontrolle über seinen neuen Körper, empathische Aufgaben und Aktionen gelingen ihm ohne Probleme, der perfekte Dom für jeden Sub in L.A. Er scheint keine Fehler zu haben und keine zu machen, als seien Darius, Dio und all die anderen nur Randfiguren, die vollkommen unsicher durch die Geschichte stolpern. Dadurch wird Micah dem Leser immer unsympathischer – er hat keine Macken oder Fehler, die ihm ein wenig Tiefgang verleihen. Selbst seine extreme Vergangenheit und die vielen Probleme seiner Kindheit scheinen nie wirklich Einfluss auf seinen Charakter genommen zu haben.

 

Das sorgt leider dafür, dass die übrigen Figuren mitunter dämlich und unlogisch daherkommen: Darius‘ Unsicherheit passt nicht zu einem solch alten, gestandenen Krieger. Er wirkt die Hälfte der Zeit verunsichert und kindisch, auch Micah denkt im Grunde selten positiv von ihm. Man fragt sich wirklich, was genau Micah an ihm liebt, so deutlich er immer wieder seine Abneigung zur Sprache bringt. Einzig Dio ist ein angenehmer Lichtblick, wenngleich er zu devot und unterwürfig ist, für einen Krieger. Dennoch ist der stille, zurückhaltende Vampir der einzige, den man halbwegs nachvollziehen kann. Dass er im Laufe der Handlung stark zurückstecken muss, ist bedauerlich, doch die Szenen mit ihm zählen zu den Highlights des Buches. Der dritte Mann in Micahs Leben ist Rodney, der den Dhampir als Meister auserkoren hat und alles daran setzt diesen von seinen Qualitäten zu überzeugen. Ihn kann man leider fast gar nicht nachvollziehen, zu extrem sind dessen Wünsche und Ansichten für Leser, die sich nicht in der BDSM-Szene auskennen und diese nicht nachvollziehen können.

Die restlichen Figuren sind sehr blass und haben kaum Tiefgang. Das betrifft sowohl die Vampire um Micah, als auch die anderen Wesen. Sie wirken weder lebendig, noch authentisch – sowohl ihre Gedanken und Hintergründe bleiben im Verborgenen. Der zentrale Dreh- und Angelpunkt ist Micah, um ihn herum sind alle anderen Charaktere ausgerichtet und um ihn zirkulieren sie, sowohl in ihren Dialogen, Aktionen und Handlungen.

 

Stilistisch ist „Micah“ Geschmackssache – Tina Filsak hat durchaus einen soliden Stil, doch zumeist beschränkt sie sich zu sehr auf erotische Szenen. Gerade Dialoge und Kampfszenen glücken ihr nicht, Beschreibungen der Umgebung sind ebenfalls nicht ihr Ding. So weiß man zu Beginn lange nicht, wo die Geschichte spielt und kann sich das Umfeld und die Gegebenheiten nur schwer vorstellen. Mitunter sind die Szenen auch verworren aufgebaut, so dass man der Handlung teilweise nicht folgen kann, insbesondere wenn Logiklücken vorhanden sind oder Figurenplötzlich Dinge können, die sie vorher nicht beherrscht haben.

 

Fazit:
Alles in allem kann „Micah“ nicht überzeugen, da Tina Filsak zu viel Zeit für BDSM, Erotik und Drama aufwendet, anstatt die Rahmenhandlung voranzutreiben. Zudem hat sie mit Micah einen Übercharakter erster Güte generiert – ein Gary Sue, der alles kann und jede andere Figur, gleich wie alt oder mächtig, überflügelt. Das macht die Geschichte leider weder spannend noch gut lesbar, so dass ich für „Micah“ so gar keine Empfehlung aussprechen kann. Mag sein, dass BDSM-Fans die Schilderungen spannend und ansprechend finden, zartere Gemüter und Romantikfans werden mit „Micah“ sicher nicht glücklich.

Quelle: http://www.like-a-dream.de