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Like a Dream

Bücher-Blog des homoerotischen Internetportals "Like a Dream" (www.like-a-dream.de). Hier werden vorwiegend homoerotische Romane vorgestellt, aber auch Kinder- und Jugendbücher.

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Der Tag, an dem wir begannen die Wahrheit zu sagen

Der Tag, als wir begannen, die Wahrheit zu sagen - Susan Juby, Eva Müller-Hierteis

Story:
Es ist ein seltsames Projekt, dass die Schüler Normandy, Neil und Dusk ins Leben rufen, als das neue Schuljahr an ihrer renommierten Kunsthochschule beginnt. Sie beschließen ihre Mitschüler nach der Wahrheit zu fragen und gründen das Wahrheits-Komitee. Ob nun Schönheits-OPs, Homosexualität, Liebesgeschichten, Drogenprobleme oder die unschönen Familiengeheimnisse, sie fragen direkt und bekommen sogar ehrliche Antworten. Das Gefühl, die Betroffenen mit ihren Fragen aufzurütteln, beflügelt sie und schon bald weiß jeder über ihr Vorhaben Bescheid. Doch die Fragen um die Wahrheit bergen auch Schattenseiten, insbesondere da Normandy selbst in einer Welt aus Lügen lebt, hervorgerufen durch ihre berühmte Schwester Keira und die Zustände innerhalb ihrer Familie …

Eigene Meinung:
„Der Tag, an dem wir begannen die Wahrheit zu sagen“ stammt von der Autorin Susan Juby, die bereits mehrere Jugendbücher veröffentlicht hat und deren Werke sogar verfilmt wurden. Der vorliegende Roman erscheint am 27.04.2015 bei cbj, ich habe die Geschichte vorab gelesen.

Inhaltlich verspricht der Klappentext so viel und birgt einiges an Potenzial. Leider kann er weder das eine noch das andere halten, denn Susan Juby verschenkt dermaßen viele Möglichkeiten, dass man das Buch am liebsten in die nächste Ecke werfen würde. Was hätte man nicht alles aus dem Grundkonzept – nach der Wahrheit zu fragen – alles machen können? Psychologische Aspekte hätten einen Platz finden können, moralische oder zwischenmenschliche, doch leider wartet man in „Der Tag, an dem wir begannen die Wahrheit zu sagen“ vergeblich auf Tiefgang und eine Aufarbeitung der Probleme und sozialen Schwierigkeiten, denen sich die drei Hauptfiguren entgegenstellen müssten. Stattdessen sind deren Mitschüler sehr freigebig mit der Wahrheit, sprechen „einfach so“ über persönliche Dinge und haben keinerlei Bedenken, dass Normandy und ihre Freunde das alles weitererzählen könnten. In einer Welt, in der alles auf Facebook und in diversen sozialen Netzwerken breitgetreten wird, und in der Jugendliche frühzeitig lernen, dass man Privates besser für sich behält, erscheint es mir absolut unlogisch, dass die drei Freunde so schnell und offen Auskunft erhalten. Im Grunde handelt die ganze Schule unlogisch, mitsamt den Schülern, deren Familien und dem Lehrapparat.

Das merkt man ganz besonders an Normandys Familiensituation, in der sich alles um ihre berühmte Schwester Keira dreht, die so egoistisch, selbstverliebt und arrogant ist, dass man sich wirklich wundert, weshalb deren Eltern nicht einschreiten. So sehr sie das Ausnahmetalent auch bewundern, so seltsam mutet es an, dass sie nichts gegen die Diffamierung ihrer Person in Keiras Graphik Novel Reihe unternehmen. Gerade zum Ende stellt sich die Frage, ob Normandy nicht durchaus Möglichkeiten hat, um gegen Keiras Veröffentlichungen vorzugehen. Gleichzeitig wundert man sich, dass die Autorin diesen Aspekt der Geschichte nicht früher zur Sprache brachte, denn im letzten Drittel mutiert das Buch schließlich zu einem Selbstfindungsbuch der Heldin. Das ist im Grund nichts schlechtes, doch es kommt zu spät und wird lediglich zusammenfassend umrissen.

Daher kann sich der Leser nur schwer mit den Charakteren identifizieren. Normandy ist zu passiv, braucht zu lange um sich endlich aufzuraffen und die Situation mit ihrer Schwester zu hinterfragen, Keira ist einfach nur schrecklich, Neil und Dusk lernt man kaum kennen, da sie ungemein blass bleiben. Die Liebesgeschichte zwischen Neil und Normandy kommt ebenfalls nicht richtig an, wirkt aufgesetzt und künstlich. Auch die übrigen Figuren können die Geschichte nicht retten – sie sind recht stereotyp gehalten, kommen erst zum Ende hin zum Tragen und werden anschließend recht schnell beiseitegeschoben. Einzig der drogensüchtige Brian ist sympathisch, doch leider gibt ihm Susan Juby nur einige wenige Auftritte.

Insgesamt hat der Roman einen weiteren großen Nachteil: er ist stellenweise extrem langatmig und langweilig. Die Geschichte zieht sich, wiederholt sich und kommt kaum von der Stelle. Die unendlich vielen Fußnoten erschweren das Lesen zusätzlich und verderben dem Leser die Lust, den Roman in einem Zug zu lesen. Fußnoten können witzig und informativ sein – in „Bartimäus“ sind sie genial eingebunden und passen hervorragend zur Geschichte – in „Der Tag, an dem wir begannen die Wahrheit zu sagen“ sind sie ohne Sinn und Verstand in Normandys Essay eingebaut und hemmen den Lesefluss massiv. Dadurch ist die Geschichte stilistisch Geschmackssache, denn Susann Jubys Stil ist mehr als gewöhnungsbedürftig, wenn nicht unmöglich. Ihr Schreibstil ist einfach schlecht, nichtssagend, plump und langatmig – man kann sich nicht wirklich mit Normandy identifizieren, die das Buch quasi in Essay-Form zu Papier bringt.

Fazit:
„Der Tag, an dem wir begannen die Wahrheit zu sagen“ ist ein ambitioniertes Buch, was nichts von dem halten kann, was es verspricht. So spannend der Klappentext ist, so langweilig ist die Aufarbeitung der Thematik durch Susan Juby. In Kombination mit den blassen, unrealistischen Charakteren und dem schlechten Schreibstil bleibt mir nur von dem Buch abzuraten. Schade, es hätte so viel mehr sein können.